dazligth
13.12.2004, 23:12
Dieser Text ist zwar sehr Gottbezogen, aber für das Verständnis worum es geht, unbedingt Sinnvoll zu lesen!
Wir wollen ja versuchen aus der Art und Reihenfolge wie Ereignisse stattfinden und in welchem Zusammenhang sie zur Zeit stehen Schlussfolgerungen ziehen.
Zwar nicht in der Art, wie es hier ind dieser Geschicht passiert, aber doch ähnlich.
Inkommensurabilität (Peer Langenfeld)
Inkommensurabilität
Heinz zeigte sich dermaßen unruhig, dass seine Frau erst gar keine Diskussion aufkommen ließ. Sie nahm ihm die Autoschlüssel ab, verbannte ihn mit strafendem Blick auf den Beifahrersitz und lenkte den Wagen selbst aus der Garage.
???Ich verstehe gar nicht, warum du so nervös bist“, sagte sie nach einer Weile. ???Du hast das Mathematik-Studium mit Auszeichnung absolviert. Das Rechenzentrum hat dich zum Vorstellungsgespräch eingeladen. Das ist doch weitaus besser, als hättest du um dieses Gespräch gebeten.“
???Ich bin nicht nervös“, antwortete Heinz gereizt. ???Oder jedenfalls nur so nervös, wie es die Mathematik selbst ist. - Die werden mir heute natürlich Fragen stellen. So lange es um Infinitesimal- oder Wahrscheinlichkeitsrechnung geht, habe ich nicht das geringste Problem. Aber sie könnten ja auch nach der Inkommensurabilität der Diagonale zur Quadratseite fragen. Und was sage ich dann?“
???Die Inkommensura… - was, um Himmels Willen, soll das denn sein?“
Heinz seufzte leise. Hätte er doch bloß ???Pi’ statt ???Inkommensurabilität’ gesagt! Bei ???Pi’ wusste selbst seine Frau, dass die Zahl unendlich viele Ziffern hinter dem Komma führte. Das hätte das Problem zwar nicht unbedingt erfasst, aber sie hätte vermutlich daraus geschlossen, dass die Mathematik nicht nur vor schwierigen, sondern teilweise vor unlösbaren Fragen stand. So aber musste er ihr nun umständlich erklären, dass sich besagte Diagonale grundsätzlich irrational zur Seitenlänge des Quadrates verhält. Davon ganz abgesehen handelte es sich bei ihr auch noch um eine solche Linie, die hinter dem Komma ebenfalls unendlich viele Zahlen aufführt. Genau genommen besitzt sie weder einen Anfang noch ein Ende und berührte somit nicht einmal die Kanten des Quadrates.
???Zwei-zwei-zwei“, unterbrach seine Frau auf einmal seine Ausführungen und deutete mit dem Zeigefinger auf den Wagen, der vor ihnen fuhr.
???Zwei-zwei-zwei“, wiederholte er verblüfft und erkannte nach einigen Sekunden, dass sie die Ziffernfolge im Nummernschild des Autos meinte.
???Das bedeutet, dass alles gut wird“, erläuterte seine Frau zuversichtlich. ???Wenn dir eine dreistellige Schnapszahl begegnet, hat das immer eine positive Bedeutung. Und Zwei-zwei-zwei bedeutet, dass alles gut wird. Dir kann bei dem Vorstellungsgespräch nichts passieren.“
Um es kurz zu machen: Sie hatte recht. Das Vorstellungsgespräch verlief überaus harmonisch, fast so, als hätte der Personalleiter des Rechenzentrums Angst, Heinz könne sich noch gegen das Angebot entscheiden. Er wurde weder nach Inkommensurabilitäten noch nach der mathematischen Bedeutung der Null gefragt, sondern bekam nach einer belanglosen Unterhaltung einen Vertrag vorgelegt, den er nur noch unterzeichnen musste.
Selbstverständlich sah er keinen Zusammenhang zwischen dem Auftauchen einer Schnapszahl und dem erfolgreich verlaufenen Bewerbungsgespräch. Er hielt dergleichen für puren Aberglauben. Im Laufe seiner Karriere begegnete er jedoch in unregelmäßigen Abständen immer wieder solchen Zahlenkonstellationen, und jedes Mal, wenn das der Fall war, fühlte er sich insgeheim etwas wohler. Das Merkwürdige war, dass an solchen Tagen auch alles nach seinen Wünschen lief. Ein Phänomen, das er als Mathematiker schließlich nicht mehr auf einen Zufall zurück führen konnte. Also begann er, zu untersuchen, ob den Zahlen tatsächlich eine tiefere Bedeutung zukam. Dabei konzentrierte er sich natürlich nicht nur auf die Schnapszahlen. Eine solche Auswahl hielt er für höchst willkürlich. Wenn die Zahlen eine zusätzliche Bedeutung besaßen, dann war nicht erkennbar, warum die meisten davon ausgeschlossen sein sollten.
Als er eines Tages wieder mit seiner Frau durch München fuhr, war er es, der das Schweigen unterbrach und auf das Nummernschild des Wagens vor ihnen deutete.
???1914“, sagte er nachdenklich. ???Das ist ja interessant!“
Seine Frau blickte rätselnd zu ihm herüber.
???Naja, ich habe mir ein paar Gedanken darüber gemacht“, gab er zu. ???Dein System mit den Schnapszahlen ist, gelinde gesagt, etwas renovierungsbedürftig. Eine Aussage wie ???Alles wird gut“ kann ja nur von einem höheren Wesen kommen. Also vom lieben Gott. Einmal abgesehen davon, dass ich nicht weiß, wie dieses Gotteswort zu dir gelangt sein soll: Dass der Allmächtige mit solcherlei Zahlenfetischismus nichts zu tun hat, ergibt sich doch von selbst. Zahlen sind ja nur eine hilflose Umschreibung des Menschen für die Zusammenhänge in der Natur. Gott benötigt keine Umschreibungen, weil er die Baupläne selbst entworfen hat.“
???Ohne Zahlen ist Gott freilich auch nicht ausgekommen“, entgegnete sie, nachdem sie seinen arroganten Tonfall verwunden hatte. ???Zum Beispiel war es der siebte Tag, den der Allmächtige zum Ruhetag ausgerufen hat.“
???Richtig, richtig“, pflichtete er bei. ???Und da wir schon bei der Zahl ???Sieben’ sind: Das siebte Gebot lautet ???Du sollst nicht stehlen“. - Nun sage mir einmal, was für ein Zusammenhang zwischen der einen Sieben und der anderen bestehen soll. – Nein, warte - ich sage es dir lieber gleich, bevor du unsinnige Gedankenkonstruktionen anstellst: Es existiert überhaupt kein Zusammenhang. Dass Gott in seinen Bauplänen nicht ohne Zahlen auskommen konnte, ist völlig klar. Aber wie du an der Zahl Sieben erkennen kannst, hat er den Zahlen nicht noch eine zusätzliche Bedeutung gegeben.“
???Sieh mal an“, sagte seine Frau, nun schon sehr verärgert. ???Dann erkläre mir doch mal, warum du dennoch auf das Nummernschild vor uns gezeigt hast.“
???Das System ist natürlich komplizierter,“ erwiderte er, ???als dass du es verstehen könntest. Die Zahlenmystik war erwiesenermaßen nicht von Anfang an gottgewollt, wie ich dir anhand der Ziffer ???Sieben’ bereits erläuterte. Aber alles in der Welt besteht aus Fingerzeigen Gottes. Auch die Zahlen, die uns begegnen. Nur stecken darin eben nicht SEINE Aussagen, sondern unsere eigenen. Wir selbst haben den Zahlen eine Bedeutung gegeben. Gott weiß das natürlich und konfrontiert uns hin und wieder mit entsprechenden Hinweisen. Es liegt an uns, sie richtig zu interpretieren. Deine Schnapszahlentheorie kannst du dabei getrost verwerfen. Das ist allenfalls Beschäftigungstherapie für minderbemittelte Hausfrauen.“
Seine Frau schwieg eine Weile grummelnd. Dann siegte jedoch ihre Neugier, und sie fragte Heinz endlich nach der Bedeutung der Zahl 1914.
???Man muss die Zahl auseinander nehmen. Zum Beispiel die ersten drei Ziffern: Die 191 ist eine Primzahl“, erklärte er gewissenhaft. ???Und zwar ist es die 43. Primzahl. Das ist insofern interessant, als dass auch die 43 eine Primzahl ist, nämlich die vierzehnte. Und die ???Vierzehn’ steht – wie eine Bestätigung – am Ende der Zahl.“
???Das wollte Gott uns mitteilen? - Primzahlen?“
???Nein, selbstverständlich nicht“, reagierte er unwirsch. ???Ich sagte doch schon, dass es an uns liegt, die Zahlen richtig zu interpretieren. In diesem Fall könnte man etwa sagen, dass zwei Dinge nicht so sind, wie sie scheinen. Dass also…“
???Die ???Neunzehn’ ist die am häufigsten gezogene Lottozahl“, unterbrach seine Frau mit derselben Überheblichkeit, mit der er geredet hatte. ???Also eine vom Glück besonders bevorzugte Zahl. Und die ???Vierzehn’ kennzeichnet den Beginn der Strafmündigkeit. Es kann genauso gut heißen, dass jemand in einer juristischen Angelegenheit sehr glücklich davon kommt.“
Er schwieg.
???Und außerdem ist 1914 der Beginn des Ersten Weltkrieges gewesen“, fuhr sie fort. ???Also steht vielleicht eine kriegerische Auseinandersetzung bevor.“
Auch hier sollte sie recht behalten. Es kam zu einer Auseinandersetzung. Kurz darauf war seine Frau die Überheblichkeiten nämlich leid und zog aus dem Haus aus. Da er sich lieber weiter um seine Zahlenanalysen als um die Ehe kümmerte, reichte sie schließlich die Scheidung ein. Die Glücklichere dabei blieb sie, womit denn auch ihre erste Interpretation der Zahl 1914 zutraf. Heinz erkannte allerdings überrascht, dass eigentlich alle drei Auslegungen richtig waren, denn die Scheidung kam für ihn genauso überraschend wie die Höhe seiner Unterhaltszahlungen, die das Gericht ihm aufbürdete.
Dieser Umstand – dass alle drei Interpretationen zugetroffen hatten - bewirkte, dass er sein System noch verfeinern wollte. Für ihn war evident, dass – wenn Gott schon Hinweise gab – diese nicht verschiedene Auslegungsmöglichkeiten zulassen durften. Ansonsten wären es ja keine Hinweise, sondern das Würfelspiel, das Einstein einst verworfen hatte. Da wiederum jede Zahl grundsätzlich mehrfach deutbar war, kam es offenbar nicht auf eine einzelne Zahl an. Jene Ziffer, die ihm zuerst begegnete, enthielt nur die verschiedensten Deutungsmöglichkeiten. Weitere Zahlen mussten folgen, die diese Deutungen wieder einschränkten, bis schließlich nur noch eine Möglichkeit übrig blieb.
Seine Beweisführung für diese Theorie geriet allerdings ein wenig ins Stocken. Am nächsten Tag begegnete ihm als erstes die Zahl ???Sechs’: Es handelte sich dabei um die Anzeige seines Weckers, als dieser klingelte. Heinz fiel zur ???Sechs’ nicht sonderlich viel ein. Aber es blieb ja noch der Weg ins Rechenzentrum. Ihm würden im Münchener Stadtverkehr unendlich viele Fahrzeuge entgegen kommen, und dieses Mal wollte er sehr genau darauf achten, welche Ziffernfolgen er in den Nummernschildern vorfinden würde.
Er schaffte es lediglich bis zur nächsten Kreuzung. Dort kam ihm der erste PKW entgegen, und weil er nach links schaute, um dessen Nummernschild besser erfassen zu können, übersah er die rote Ampel und rammte die Straßenbahn. Als er im Krankenhaus wieder zu sich kam, fiel ihm als erstes die ???Neun’ ein, die er als einzige Zahl im entgegenkommenden Auto erkannt hatte. Beide Zahlen, so überlegte er, besitzen zunächst einmal die Gemeinsamkeit, dass sie je aus einem vollendeten und einem unvollendeten Kreis bestehen. Unvollendet war freilich auch sein Forschungsversuch geblieben. Also steckte möglicherweise in diesen beiden einzigen Begegnungsziffern schon eine komplette Gottesaussage. Dass der Allmächtige dabei einmal die ???Sechs’ und einmal die ???Neun’ gewählt hatte, besaß keine Relevanz. Für Gott, der bekanntermaßen alles von oben betrachtet, sehen beide Ziffern gleich aus. Wenn es sich aber so verhielt, dann bestand das Paradoxon darin, dass sein Forschungsversuch doch vollendet worden war. Aber – Heinz wurde ganz euphorisch – selbst das war klar: Legte man nämlich beide Zahlen übereinander, dann schlossen sich die unvollendeten Kreise auch.
Heinz war Wissenschaftler genug, um zu wissen, dass er in seinen Überlegungen noch recht willkürlich vorging. Er glaubte allerdings, dass er für einen gewissen Zeitraum einige ungeordnete Erfahrungen sammeln musste, und dass ihn die weiteren Forschungen dann von selbst auf die richtige Fährte führen würden. Also hielt er zunächst vorbehaltlich fest, sich vor ???Sechsen’ und ???Neunen’ in Acht zu nehmen. Seinen Wecker stellte er auf 5:58 Uhr, seine Berichte im Rechenzentrum bestanden entweder aus fünf oder aus sieben Seiten, und bei seiner Bank beantragte er eine neue Kontonummer. Später fuhr er Umwege zum Rechenzentrum, weil ihm auffiel, dass die Entfernung zwischen seinem Haus und dem Arbeitsplatz exakt sechs Kilometer betrug.
Ansonsten gingen seine Untersuchungen gut voran. Er ärgerte sich zwar, wenn er Schnapszahlen begegnete und sich dann wider besseren Wissens wohl fühlte. Aber gerade an solchen Tagen gelangte er auch zu außergewöhnlich guten Ergebnissen. So begegnete ihm die Zahl 1637, die sich schon dadurch auszeichnet, dass die Quersumme der 16 die ???Sieben’ ist, die wiederum die letzte Zahl in der Ziffernfolge bildet. Außerdem befinden sich in der Mitte, von zwei gradlinigen Zahlen umgeben, zwei rundliche Ziffern, was besonders harmonisch anmutet. Dementsprechend hatte der französische Philosoph Rene Descartes ausgerechnet 1637 mit seinem ???Ich zweifle, also denke ich und also bin ich“ den ersten philosophischen Gottes-Beweis nach dem ???Ich weiß, dass ich nichts weiß“ von Sokrates erbracht und damit vom Negativdenken in der Forschung abgelenkt. Im 16. prophetischen Buch der Bibel, den Prophezeiungen des Malachi, Kapitel 3, siebter Satz, heißt es, offenkundig mit Blick auf Descartes: ???Ihr seid von eurer Väterzeit an immerdar abgewichen von meinen Geboten und habt sie nie gehalten. So bekehret euch nun zu mir, so will ich mich zu euch kehren…“.
An einem anderen Tag sah Heinz auf einer LKW-Rückwand sogar die Ziffernfolge 4444. Die Vier war ihm sowieso schon sehr sympathisch geworden, und eine vierfache Vier musste eine ganz besonders positive Bedeutung haben. Tatsächlich gelangte er an diesem Tag zu der Erkenntnis, dass es keine besondere Anzahl an Bestätigungsziffern gab. Offenkundig hatte sich der liebe Gott ausgedacht, seine Hinweise innerhalb eines abgeschlossenen Vorganges zu geben. Fuhr Heinz etwa am Montag zum Rechenzentrum, so begegneten ihm während der Fahrt viel mehr Fahrzeuge als am Dienstag. Dennoch konnte an beiden Tagen die Aussage dieselbe sein, etwa, dass er sehr konzentriert bei der Arbeit vorgehen sollte. Entscheidend war, dass der geschlossene Vorgang – hier die Fahrt zum Rechenzentrum – eine Ausgangszahl und ein gewisses Quantum an Bestätigungen erbrachte. Die Listen, die er dann im Rechenzentrum zu bearbeiten hatte, waren für seine Untersuchungen allerdings untauglich. Sie enthielten zwar sehr viele Zahlenkolonnen, aber da sie ihm in einem Moment begegneten, handelte es sich im Sinne seiner Forschung nur um eine einzige, freilich recht lange Zahl. Was fehlte, war die Bestätigung. Denn die Bearbeitung der Liste war ein in sich abgeschlossener Vorgang, in dem ihm selten weitere Zahlen begegneten. Außerdem war Heinz überzeugt, dass Gott ihm nicht zumuten würde, Analysen über eine fünfhundertstellige Zahl anzustellen.
Freilich waren all diese Überlegungen und Erkenntnisse immer noch mit einem Vorbehalt versehen. Heinz wusste, dass er nach wie vor willkürlich vorging, und es betrübte ihn, dass manche Deutungen erst möglich waren, wenn das betreffende Ereignis schon eingetreten war. So wusste er zwar grundsätzlich von dem bevorstehenden Attentat der Al Quaida, hätte aber erst jemanden warnen können, als die Twin-Towers in New York bereits in sich zusammen fielen. Ein Gang zum Bäcker in der Sendlinger Straße brachte ihm die Gewissheit, dass sein Vorgesetzter einen Herzinfarkt erleiden würde. Der folgte prompt, also etwa ein halbes Jahr später. Aber wie hätte Heinz dem Vorgesetzten seine Ahnungen vorher begreiflich machen sollen? Und außerdem: Was hätte es genutzt?
Viel wichtiger war, dass es eines Abschlussbeweises seiner Theorien bedurfte. Dass er grundsätzlich Unfälle produzierte, wenn ihm am Morgen ???Sechsen’ und ???Neunen’ begegneten, war noch kein hinreichender Anhaltspunkt. Die Angelegenheit mit den Schnapszahlen verbot sich quasi von selbst, und dass vierstellige Schnapszahlen bestimmte Lottozahlen ankündigten, durfte er sowieso niemandem verraten, so lange er den Jackpot nicht geknackt hatte. Seine Protokolle von den gelungenen Fahrten zum Rechenzentrum erschienen ihm auch zu kurz, um als wissenschaftlich anerkannt zu werden. Und bestimmte Zahlenkombinationen – wie etwa ???Neun-Null’, die gleichzeitig den Gewinn der Fussballweltmeisterschaft und die deutsche Wiedervereinigung kennzeichnete, - waren noch nicht erprobt genug.
Was er brauchte, war ein geschlossener Vorgang, in dem ihm sehr, sehr viele Zahlen begegneten. Und diese Gelegenheit ergab sich, als er eines Tages zu einem Vortrag nach Hamburg geladen wurde. Das Rechenzentrum hatte ihm zwar wegen seiner vielen Unfälle untersagt, die Reise mit dem PKW vorzunehmen, aber Heinz wusste, dass er diese Gelegenheit nicht vergehen lassen durfte. Einen ganzen Tag voller Zahlen, und das während eines langen Vorganges – das war es, worauf er gewartet hatte! Er besorgte sich einen großen Schreibblock, fuhr los, hielt an jeder Raststätte und an jedem Parkplatz, notierte Nummernschilder, Kaffee-Rechnungsbeträge, Kilometerangaben auf den Autobahnschildern, die UKW-Frequenzen der wechselnden Radiosender und sogar die Typenbezeichnungen, die sich auf den LKW’s befanden. Abends, als er im Hotel am Gänsemarkt einloggte, fügte er noch seine Zimmernummer hinzu und machte sich dann an die Arbeit. Für die Auswertung aller Zahlen benötigte er drei Tage und Nächte. Aber je näher er dem Ergebnis kam, desto euphorischer wurde er. Es kümmerte ihn deswegen auch nicht, dass sein Magen vor Hunger knurrte und sich seine Augen anfühlten, als bestünden sie aus Sandpapier. Ihn interessierte nicht, ob es draußen hell war, ob er in Hamburg verweilte oder ob sein Telefon Sturm klingelte, weil er den eigentlichen Grund seiner Reise vergessen hatte. Er gelangte endlich zur letzten Seite und zu seiner Zimmernummer, zitterte ein wenig und schrieb dann den ultimativen Beweis, dass Gott über die Zahlen mit uns kommuniziert, auf:
???R L M N Q I M N I M Ö W.“
Wir wollen ja versuchen aus der Art und Reihenfolge wie Ereignisse stattfinden und in welchem Zusammenhang sie zur Zeit stehen Schlussfolgerungen ziehen.
Zwar nicht in der Art, wie es hier ind dieser Geschicht passiert, aber doch ähnlich.
Inkommensurabilität (Peer Langenfeld)
Inkommensurabilität
Heinz zeigte sich dermaßen unruhig, dass seine Frau erst gar keine Diskussion aufkommen ließ. Sie nahm ihm die Autoschlüssel ab, verbannte ihn mit strafendem Blick auf den Beifahrersitz und lenkte den Wagen selbst aus der Garage.
???Ich verstehe gar nicht, warum du so nervös bist“, sagte sie nach einer Weile. ???Du hast das Mathematik-Studium mit Auszeichnung absolviert. Das Rechenzentrum hat dich zum Vorstellungsgespräch eingeladen. Das ist doch weitaus besser, als hättest du um dieses Gespräch gebeten.“
???Ich bin nicht nervös“, antwortete Heinz gereizt. ???Oder jedenfalls nur so nervös, wie es die Mathematik selbst ist. - Die werden mir heute natürlich Fragen stellen. So lange es um Infinitesimal- oder Wahrscheinlichkeitsrechnung geht, habe ich nicht das geringste Problem. Aber sie könnten ja auch nach der Inkommensurabilität der Diagonale zur Quadratseite fragen. Und was sage ich dann?“
???Die Inkommensura… - was, um Himmels Willen, soll das denn sein?“
Heinz seufzte leise. Hätte er doch bloß ???Pi’ statt ???Inkommensurabilität’ gesagt! Bei ???Pi’ wusste selbst seine Frau, dass die Zahl unendlich viele Ziffern hinter dem Komma führte. Das hätte das Problem zwar nicht unbedingt erfasst, aber sie hätte vermutlich daraus geschlossen, dass die Mathematik nicht nur vor schwierigen, sondern teilweise vor unlösbaren Fragen stand. So aber musste er ihr nun umständlich erklären, dass sich besagte Diagonale grundsätzlich irrational zur Seitenlänge des Quadrates verhält. Davon ganz abgesehen handelte es sich bei ihr auch noch um eine solche Linie, die hinter dem Komma ebenfalls unendlich viele Zahlen aufführt. Genau genommen besitzt sie weder einen Anfang noch ein Ende und berührte somit nicht einmal die Kanten des Quadrates.
???Zwei-zwei-zwei“, unterbrach seine Frau auf einmal seine Ausführungen und deutete mit dem Zeigefinger auf den Wagen, der vor ihnen fuhr.
???Zwei-zwei-zwei“, wiederholte er verblüfft und erkannte nach einigen Sekunden, dass sie die Ziffernfolge im Nummernschild des Autos meinte.
???Das bedeutet, dass alles gut wird“, erläuterte seine Frau zuversichtlich. ???Wenn dir eine dreistellige Schnapszahl begegnet, hat das immer eine positive Bedeutung. Und Zwei-zwei-zwei bedeutet, dass alles gut wird. Dir kann bei dem Vorstellungsgespräch nichts passieren.“
Um es kurz zu machen: Sie hatte recht. Das Vorstellungsgespräch verlief überaus harmonisch, fast so, als hätte der Personalleiter des Rechenzentrums Angst, Heinz könne sich noch gegen das Angebot entscheiden. Er wurde weder nach Inkommensurabilitäten noch nach der mathematischen Bedeutung der Null gefragt, sondern bekam nach einer belanglosen Unterhaltung einen Vertrag vorgelegt, den er nur noch unterzeichnen musste.
Selbstverständlich sah er keinen Zusammenhang zwischen dem Auftauchen einer Schnapszahl und dem erfolgreich verlaufenen Bewerbungsgespräch. Er hielt dergleichen für puren Aberglauben. Im Laufe seiner Karriere begegnete er jedoch in unregelmäßigen Abständen immer wieder solchen Zahlenkonstellationen, und jedes Mal, wenn das der Fall war, fühlte er sich insgeheim etwas wohler. Das Merkwürdige war, dass an solchen Tagen auch alles nach seinen Wünschen lief. Ein Phänomen, das er als Mathematiker schließlich nicht mehr auf einen Zufall zurück führen konnte. Also begann er, zu untersuchen, ob den Zahlen tatsächlich eine tiefere Bedeutung zukam. Dabei konzentrierte er sich natürlich nicht nur auf die Schnapszahlen. Eine solche Auswahl hielt er für höchst willkürlich. Wenn die Zahlen eine zusätzliche Bedeutung besaßen, dann war nicht erkennbar, warum die meisten davon ausgeschlossen sein sollten.
Als er eines Tages wieder mit seiner Frau durch München fuhr, war er es, der das Schweigen unterbrach und auf das Nummernschild des Wagens vor ihnen deutete.
???1914“, sagte er nachdenklich. ???Das ist ja interessant!“
Seine Frau blickte rätselnd zu ihm herüber.
???Naja, ich habe mir ein paar Gedanken darüber gemacht“, gab er zu. ???Dein System mit den Schnapszahlen ist, gelinde gesagt, etwas renovierungsbedürftig. Eine Aussage wie ???Alles wird gut“ kann ja nur von einem höheren Wesen kommen. Also vom lieben Gott. Einmal abgesehen davon, dass ich nicht weiß, wie dieses Gotteswort zu dir gelangt sein soll: Dass der Allmächtige mit solcherlei Zahlenfetischismus nichts zu tun hat, ergibt sich doch von selbst. Zahlen sind ja nur eine hilflose Umschreibung des Menschen für die Zusammenhänge in der Natur. Gott benötigt keine Umschreibungen, weil er die Baupläne selbst entworfen hat.“
???Ohne Zahlen ist Gott freilich auch nicht ausgekommen“, entgegnete sie, nachdem sie seinen arroganten Tonfall verwunden hatte. ???Zum Beispiel war es der siebte Tag, den der Allmächtige zum Ruhetag ausgerufen hat.“
???Richtig, richtig“, pflichtete er bei. ???Und da wir schon bei der Zahl ???Sieben’ sind: Das siebte Gebot lautet ???Du sollst nicht stehlen“. - Nun sage mir einmal, was für ein Zusammenhang zwischen der einen Sieben und der anderen bestehen soll. – Nein, warte - ich sage es dir lieber gleich, bevor du unsinnige Gedankenkonstruktionen anstellst: Es existiert überhaupt kein Zusammenhang. Dass Gott in seinen Bauplänen nicht ohne Zahlen auskommen konnte, ist völlig klar. Aber wie du an der Zahl Sieben erkennen kannst, hat er den Zahlen nicht noch eine zusätzliche Bedeutung gegeben.“
???Sieh mal an“, sagte seine Frau, nun schon sehr verärgert. ???Dann erkläre mir doch mal, warum du dennoch auf das Nummernschild vor uns gezeigt hast.“
???Das System ist natürlich komplizierter,“ erwiderte er, ???als dass du es verstehen könntest. Die Zahlenmystik war erwiesenermaßen nicht von Anfang an gottgewollt, wie ich dir anhand der Ziffer ???Sieben’ bereits erläuterte. Aber alles in der Welt besteht aus Fingerzeigen Gottes. Auch die Zahlen, die uns begegnen. Nur stecken darin eben nicht SEINE Aussagen, sondern unsere eigenen. Wir selbst haben den Zahlen eine Bedeutung gegeben. Gott weiß das natürlich und konfrontiert uns hin und wieder mit entsprechenden Hinweisen. Es liegt an uns, sie richtig zu interpretieren. Deine Schnapszahlentheorie kannst du dabei getrost verwerfen. Das ist allenfalls Beschäftigungstherapie für minderbemittelte Hausfrauen.“
Seine Frau schwieg eine Weile grummelnd. Dann siegte jedoch ihre Neugier, und sie fragte Heinz endlich nach der Bedeutung der Zahl 1914.
???Man muss die Zahl auseinander nehmen. Zum Beispiel die ersten drei Ziffern: Die 191 ist eine Primzahl“, erklärte er gewissenhaft. ???Und zwar ist es die 43. Primzahl. Das ist insofern interessant, als dass auch die 43 eine Primzahl ist, nämlich die vierzehnte. Und die ???Vierzehn’ steht – wie eine Bestätigung – am Ende der Zahl.“
???Das wollte Gott uns mitteilen? - Primzahlen?“
???Nein, selbstverständlich nicht“, reagierte er unwirsch. ???Ich sagte doch schon, dass es an uns liegt, die Zahlen richtig zu interpretieren. In diesem Fall könnte man etwa sagen, dass zwei Dinge nicht so sind, wie sie scheinen. Dass also…“
???Die ???Neunzehn’ ist die am häufigsten gezogene Lottozahl“, unterbrach seine Frau mit derselben Überheblichkeit, mit der er geredet hatte. ???Also eine vom Glück besonders bevorzugte Zahl. Und die ???Vierzehn’ kennzeichnet den Beginn der Strafmündigkeit. Es kann genauso gut heißen, dass jemand in einer juristischen Angelegenheit sehr glücklich davon kommt.“
Er schwieg.
???Und außerdem ist 1914 der Beginn des Ersten Weltkrieges gewesen“, fuhr sie fort. ???Also steht vielleicht eine kriegerische Auseinandersetzung bevor.“
Auch hier sollte sie recht behalten. Es kam zu einer Auseinandersetzung. Kurz darauf war seine Frau die Überheblichkeiten nämlich leid und zog aus dem Haus aus. Da er sich lieber weiter um seine Zahlenanalysen als um die Ehe kümmerte, reichte sie schließlich die Scheidung ein. Die Glücklichere dabei blieb sie, womit denn auch ihre erste Interpretation der Zahl 1914 zutraf. Heinz erkannte allerdings überrascht, dass eigentlich alle drei Auslegungen richtig waren, denn die Scheidung kam für ihn genauso überraschend wie die Höhe seiner Unterhaltszahlungen, die das Gericht ihm aufbürdete.
Dieser Umstand – dass alle drei Interpretationen zugetroffen hatten - bewirkte, dass er sein System noch verfeinern wollte. Für ihn war evident, dass – wenn Gott schon Hinweise gab – diese nicht verschiedene Auslegungsmöglichkeiten zulassen durften. Ansonsten wären es ja keine Hinweise, sondern das Würfelspiel, das Einstein einst verworfen hatte. Da wiederum jede Zahl grundsätzlich mehrfach deutbar war, kam es offenbar nicht auf eine einzelne Zahl an. Jene Ziffer, die ihm zuerst begegnete, enthielt nur die verschiedensten Deutungsmöglichkeiten. Weitere Zahlen mussten folgen, die diese Deutungen wieder einschränkten, bis schließlich nur noch eine Möglichkeit übrig blieb.
Seine Beweisführung für diese Theorie geriet allerdings ein wenig ins Stocken. Am nächsten Tag begegnete ihm als erstes die Zahl ???Sechs’: Es handelte sich dabei um die Anzeige seines Weckers, als dieser klingelte. Heinz fiel zur ???Sechs’ nicht sonderlich viel ein. Aber es blieb ja noch der Weg ins Rechenzentrum. Ihm würden im Münchener Stadtverkehr unendlich viele Fahrzeuge entgegen kommen, und dieses Mal wollte er sehr genau darauf achten, welche Ziffernfolgen er in den Nummernschildern vorfinden würde.
Er schaffte es lediglich bis zur nächsten Kreuzung. Dort kam ihm der erste PKW entgegen, und weil er nach links schaute, um dessen Nummernschild besser erfassen zu können, übersah er die rote Ampel und rammte die Straßenbahn. Als er im Krankenhaus wieder zu sich kam, fiel ihm als erstes die ???Neun’ ein, die er als einzige Zahl im entgegenkommenden Auto erkannt hatte. Beide Zahlen, so überlegte er, besitzen zunächst einmal die Gemeinsamkeit, dass sie je aus einem vollendeten und einem unvollendeten Kreis bestehen. Unvollendet war freilich auch sein Forschungsversuch geblieben. Also steckte möglicherweise in diesen beiden einzigen Begegnungsziffern schon eine komplette Gottesaussage. Dass der Allmächtige dabei einmal die ???Sechs’ und einmal die ???Neun’ gewählt hatte, besaß keine Relevanz. Für Gott, der bekanntermaßen alles von oben betrachtet, sehen beide Ziffern gleich aus. Wenn es sich aber so verhielt, dann bestand das Paradoxon darin, dass sein Forschungsversuch doch vollendet worden war. Aber – Heinz wurde ganz euphorisch – selbst das war klar: Legte man nämlich beide Zahlen übereinander, dann schlossen sich die unvollendeten Kreise auch.
Heinz war Wissenschaftler genug, um zu wissen, dass er in seinen Überlegungen noch recht willkürlich vorging. Er glaubte allerdings, dass er für einen gewissen Zeitraum einige ungeordnete Erfahrungen sammeln musste, und dass ihn die weiteren Forschungen dann von selbst auf die richtige Fährte führen würden. Also hielt er zunächst vorbehaltlich fest, sich vor ???Sechsen’ und ???Neunen’ in Acht zu nehmen. Seinen Wecker stellte er auf 5:58 Uhr, seine Berichte im Rechenzentrum bestanden entweder aus fünf oder aus sieben Seiten, und bei seiner Bank beantragte er eine neue Kontonummer. Später fuhr er Umwege zum Rechenzentrum, weil ihm auffiel, dass die Entfernung zwischen seinem Haus und dem Arbeitsplatz exakt sechs Kilometer betrug.
Ansonsten gingen seine Untersuchungen gut voran. Er ärgerte sich zwar, wenn er Schnapszahlen begegnete und sich dann wider besseren Wissens wohl fühlte. Aber gerade an solchen Tagen gelangte er auch zu außergewöhnlich guten Ergebnissen. So begegnete ihm die Zahl 1637, die sich schon dadurch auszeichnet, dass die Quersumme der 16 die ???Sieben’ ist, die wiederum die letzte Zahl in der Ziffernfolge bildet. Außerdem befinden sich in der Mitte, von zwei gradlinigen Zahlen umgeben, zwei rundliche Ziffern, was besonders harmonisch anmutet. Dementsprechend hatte der französische Philosoph Rene Descartes ausgerechnet 1637 mit seinem ???Ich zweifle, also denke ich und also bin ich“ den ersten philosophischen Gottes-Beweis nach dem ???Ich weiß, dass ich nichts weiß“ von Sokrates erbracht und damit vom Negativdenken in der Forschung abgelenkt. Im 16. prophetischen Buch der Bibel, den Prophezeiungen des Malachi, Kapitel 3, siebter Satz, heißt es, offenkundig mit Blick auf Descartes: ???Ihr seid von eurer Väterzeit an immerdar abgewichen von meinen Geboten und habt sie nie gehalten. So bekehret euch nun zu mir, so will ich mich zu euch kehren…“.
An einem anderen Tag sah Heinz auf einer LKW-Rückwand sogar die Ziffernfolge 4444. Die Vier war ihm sowieso schon sehr sympathisch geworden, und eine vierfache Vier musste eine ganz besonders positive Bedeutung haben. Tatsächlich gelangte er an diesem Tag zu der Erkenntnis, dass es keine besondere Anzahl an Bestätigungsziffern gab. Offenkundig hatte sich der liebe Gott ausgedacht, seine Hinweise innerhalb eines abgeschlossenen Vorganges zu geben. Fuhr Heinz etwa am Montag zum Rechenzentrum, so begegneten ihm während der Fahrt viel mehr Fahrzeuge als am Dienstag. Dennoch konnte an beiden Tagen die Aussage dieselbe sein, etwa, dass er sehr konzentriert bei der Arbeit vorgehen sollte. Entscheidend war, dass der geschlossene Vorgang – hier die Fahrt zum Rechenzentrum – eine Ausgangszahl und ein gewisses Quantum an Bestätigungen erbrachte. Die Listen, die er dann im Rechenzentrum zu bearbeiten hatte, waren für seine Untersuchungen allerdings untauglich. Sie enthielten zwar sehr viele Zahlenkolonnen, aber da sie ihm in einem Moment begegneten, handelte es sich im Sinne seiner Forschung nur um eine einzige, freilich recht lange Zahl. Was fehlte, war die Bestätigung. Denn die Bearbeitung der Liste war ein in sich abgeschlossener Vorgang, in dem ihm selten weitere Zahlen begegneten. Außerdem war Heinz überzeugt, dass Gott ihm nicht zumuten würde, Analysen über eine fünfhundertstellige Zahl anzustellen.
Freilich waren all diese Überlegungen und Erkenntnisse immer noch mit einem Vorbehalt versehen. Heinz wusste, dass er nach wie vor willkürlich vorging, und es betrübte ihn, dass manche Deutungen erst möglich waren, wenn das betreffende Ereignis schon eingetreten war. So wusste er zwar grundsätzlich von dem bevorstehenden Attentat der Al Quaida, hätte aber erst jemanden warnen können, als die Twin-Towers in New York bereits in sich zusammen fielen. Ein Gang zum Bäcker in der Sendlinger Straße brachte ihm die Gewissheit, dass sein Vorgesetzter einen Herzinfarkt erleiden würde. Der folgte prompt, also etwa ein halbes Jahr später. Aber wie hätte Heinz dem Vorgesetzten seine Ahnungen vorher begreiflich machen sollen? Und außerdem: Was hätte es genutzt?
Viel wichtiger war, dass es eines Abschlussbeweises seiner Theorien bedurfte. Dass er grundsätzlich Unfälle produzierte, wenn ihm am Morgen ???Sechsen’ und ???Neunen’ begegneten, war noch kein hinreichender Anhaltspunkt. Die Angelegenheit mit den Schnapszahlen verbot sich quasi von selbst, und dass vierstellige Schnapszahlen bestimmte Lottozahlen ankündigten, durfte er sowieso niemandem verraten, so lange er den Jackpot nicht geknackt hatte. Seine Protokolle von den gelungenen Fahrten zum Rechenzentrum erschienen ihm auch zu kurz, um als wissenschaftlich anerkannt zu werden. Und bestimmte Zahlenkombinationen – wie etwa ???Neun-Null’, die gleichzeitig den Gewinn der Fussballweltmeisterschaft und die deutsche Wiedervereinigung kennzeichnete, - waren noch nicht erprobt genug.
Was er brauchte, war ein geschlossener Vorgang, in dem ihm sehr, sehr viele Zahlen begegneten. Und diese Gelegenheit ergab sich, als er eines Tages zu einem Vortrag nach Hamburg geladen wurde. Das Rechenzentrum hatte ihm zwar wegen seiner vielen Unfälle untersagt, die Reise mit dem PKW vorzunehmen, aber Heinz wusste, dass er diese Gelegenheit nicht vergehen lassen durfte. Einen ganzen Tag voller Zahlen, und das während eines langen Vorganges – das war es, worauf er gewartet hatte! Er besorgte sich einen großen Schreibblock, fuhr los, hielt an jeder Raststätte und an jedem Parkplatz, notierte Nummernschilder, Kaffee-Rechnungsbeträge, Kilometerangaben auf den Autobahnschildern, die UKW-Frequenzen der wechselnden Radiosender und sogar die Typenbezeichnungen, die sich auf den LKW’s befanden. Abends, als er im Hotel am Gänsemarkt einloggte, fügte er noch seine Zimmernummer hinzu und machte sich dann an die Arbeit. Für die Auswertung aller Zahlen benötigte er drei Tage und Nächte. Aber je näher er dem Ergebnis kam, desto euphorischer wurde er. Es kümmerte ihn deswegen auch nicht, dass sein Magen vor Hunger knurrte und sich seine Augen anfühlten, als bestünden sie aus Sandpapier. Ihn interessierte nicht, ob es draußen hell war, ob er in Hamburg verweilte oder ob sein Telefon Sturm klingelte, weil er den eigentlichen Grund seiner Reise vergessen hatte. Er gelangte endlich zur letzten Seite und zu seiner Zimmernummer, zitterte ein wenig und schrieb dann den ultimativen Beweis, dass Gott über die Zahlen mit uns kommuniziert, auf:
???R L M N Q I M N I M Ö W.“