David Cooper
09.09.2004, 20:58
Verdoppelungstrick beim Roulette
Alles bleibt Glückssache
Von Philip Petersdorff
Roulette spielen mit System und garantiertem Gewinn? Natürlich weiß jeder vernünftige Mensch, dass das nicht funktionieren kann. Das wird schon dadurch bewiesen, dass windige, selbsternannte Experten ihre Systeme verkaufen. So ein Unsinn: Wer das System gefunden hätte, hätte es kaum mehr nötig, es noch zu verkaufen. Außerdem haben sich schon große Denker wie Voltaire die Zähne an einem Roulettesystem ausgebissen.
Trotzdem hält sich hartnäckig dieses Gerücht: Ein System mit Gewinngarantie gebe es doch; und es soll dazu auch noch ganz einfach sein. Angeblich hat es nur einen Haken: Man muss unbegrenzt viel Bargeld zur Verfügung haben.
Der so genannte „Verdoppelungstrick“ geht so: Man setzt auf eine 50:50-Chance, also zum Beispiel Rot/Schwarz oder Gerade/Ungerade, und immer wenn man verliert, verdoppelt man seinen Einsatz. Der Spieler setzt also 5 Mark auf Rot; wenn er verliert, setzt er 10 Mark, wenn er noch mal verliert 20 Mark usw. Irgendwann wird er gewinnen, und dann hat er seinen Einsatz wieder raus und einen Gewinn von 5 Mark gemacht.
Ein Beispiel: Er setzt erst 5, dann 10 und dann 20 Mark – das macht einen Einsatz von 35 Mark. Wenn er mit den 20 Mark gewinnt, hat er 40 Mark auf Rot liegen. Ein Plus von 5 Mark. Im Grunde ganz einfach.
Aber kann das wirklich funktionieren? ServiceZeit Geld wollte es wissen und hat Hans Mustermann ins Spielcasino nach Aachen geschickt. Geld spielte keine Rolle.
Er spielte am billigsten Tisch: Mindesteinsatz 5 Mark, Höchsteinsatz 7.000 Mark. Das ist in allen europäischen Casinos gleich. Oder man geht an die teureren Tische: 10 beziehungsweise 20 Mark Mindesteinsatz, der Höchsteinsatz liegt dann bei 14.000 beziehungsweise 21.000 Mark.
Und in der Tat: Es lässt sich gut an für Hans Mustermann. Nach 100 Spielen hat er schon 235 Mark Gewinn gemacht. Nach 200 Spielen schon 520 Mark. Funktioniert es wirklich so einfach? Beim 228. Spiel bekommt er einen Vorgeschmack davon, was passieren kann: Neunmal hintereinander fällt schwarz. Mustermann hat jedoch immer auf Rot gesetzt. Um jetzt noch zu verdoppeln, muss er schon 1.280 Mark setzen, nur um 5 Mark zu gewinnen. Spaß macht das nicht mehr. Und immer diese Angst: Wenn noch zweimal Schwarz fällt, bin ich raus. Dann nämlich kann Hans Mustermann wegen des Höchsteinsatzes von 7.000 Mark nicht weiter verdoppeln. Beim nächsten Mal müsste er schon 2.560 Mark setzen, dann 5.120 Mark; und um dann noch mal zu verdoppeln, müsste er schon 10.240 Mark setzen – und eben da ist Schluss.
Diesmal hat er noch Glück. Beim zehnten Mal fällt die rote Sieben. Auch dann läuft es wieder gut. Nach dem 765. Spiel hat er schon 1.820 Mark Gewinn gemacht. Nicht schlecht! Doch dann passiert es. Es fällt elfmal hintereinander schwarz, er muss 5.120 Mark auf Rot setzen, seine letzte Chance. Und es fällt: schwarz.
Das war’s. 10.235 Mark hat er für die letzte Serie eingesetzt und verloren, minus den 1.820 Mark, die er vor der Pechsträhne gewonnen hat – macht einen Verlust von 8.415 Mark. Das System klappt also nicht. Jedenfalls nicht ohne das ständige Risiko des Totalverlustes.
Hans Mustermann ärgert sich. Vielleicht hätte er nur mehr Geduld haben müssen und immer erst auf Rot setzen sollen, nachdem zuvor eine ganze Serie Schwarz gefallen ist. Seine (falsche) Theorie: Die Wahrscheinlichkeit für Rot ist höher, wenn vorher mehrere Male hintereinander Schwarz gefallen ist. Er fragt sich: Wie wäre mein Spiel gelaufen, wenn ich immer erst dann gesetzt hätte, nachdem fünfmal Schwarz gefallen ist?
Die Antwort steht in unseren Aufzeichnungen: Das wäre ganz schön langweilig geworden. Bis zum 137. Spiel hätte er warten müssen, fast zweieinhalb Stunden. Da sind zum ersten Mal fünf schwarze Zahlen hintereinander gefallen.
Nach über knapp 800 Spiele hätten er einen Gewinn von 95 Mark gemacht. Dafür hätte er zwei Tage im Casino verbracht und zweimal 5 Mark Eintritt bezahlt. Außerdem hat er vier Wasser getrunken und einen Champagner – als es am Anfang noch gut lief – für insgesamt 24 Mark. Macht unterm Strich einen Gewinn von 61 Mark. Für 20 Stunden Arbeit. Das entspricht einem Stundenlohn von 3,05 Mark. Ausgesprochen mittelprächtig – findet auch Hans Mustermann. Und auch dieser Stundenlohn ist nicht garantiert: Wäre nach seiner Pechsträhne nicht beim 16. Mal Rot gefallen, hätte er wieder alles verloren.
Das System funktioniert also nicht. Aber warum glaubt man, dass es funktionieren könnte? Das liegt daran, dass das menschliche Gehirn Statistik nicht intuitiv begreifen kann. Es liegt so nahe anzunehmen, dass es umso wahrscheinlicher wird, dass Rot fällt, je häufiger vorher Schwarz gefallen ist. Stimmt aber nicht. Jedenfalls nicht bei begrenzten Zahlenreihen. Die Kugel merkt sich nicht, wohin sie vorher gefallen ist. Es besteht bei jedem Wurf erneut eine 50:50-Chance.
Es ist wie beim Lotto: Die Zahlenreihe 1, 2, 3, 4, 5, 6 fällt mit der gleichen Wahrscheinlichkeit wie die Zahlenreihe 4, 7, 21, 35, 46, 48. Die Statistik ist voller Tücken. Die Chance, beim Lotto einen Sechser zu landen, ist etwa so groß wie die Gefahr für einen 30-jährigen gesunden Menschen, in den nächsten 20 Minuten zu sterben. Davor fürchtet sich eigentlich niemand. Wieso hoffen trotzdem alle auf einen Lottogewinn?
Ein anderer Vergleich: Wenn man an der Autobahn von Stuttgart nach München und zurück 5-Mark-Stücke dicht an dicht an den Straßenrand legt, eines davon markiert und dann jemanden auffordert loszufahren, irgendwo anzuhalten und zielstrebig diese Münze aufzuheben – das würde niemand versuchen; aber genauso wahrscheinlich ist die Gewinnchance beim „Verdoppelungstrick“.
Quelle: ServiceZeit Geld vom 07. Juni 2001 (http://www.wdr.de/tv/service/geld/inhalte/010607_3.html)
Alles bleibt Glückssache
Von Philip Petersdorff
Roulette spielen mit System und garantiertem Gewinn? Natürlich weiß jeder vernünftige Mensch, dass das nicht funktionieren kann. Das wird schon dadurch bewiesen, dass windige, selbsternannte Experten ihre Systeme verkaufen. So ein Unsinn: Wer das System gefunden hätte, hätte es kaum mehr nötig, es noch zu verkaufen. Außerdem haben sich schon große Denker wie Voltaire die Zähne an einem Roulettesystem ausgebissen.
Trotzdem hält sich hartnäckig dieses Gerücht: Ein System mit Gewinngarantie gebe es doch; und es soll dazu auch noch ganz einfach sein. Angeblich hat es nur einen Haken: Man muss unbegrenzt viel Bargeld zur Verfügung haben.
Der so genannte „Verdoppelungstrick“ geht so: Man setzt auf eine 50:50-Chance, also zum Beispiel Rot/Schwarz oder Gerade/Ungerade, und immer wenn man verliert, verdoppelt man seinen Einsatz. Der Spieler setzt also 5 Mark auf Rot; wenn er verliert, setzt er 10 Mark, wenn er noch mal verliert 20 Mark usw. Irgendwann wird er gewinnen, und dann hat er seinen Einsatz wieder raus und einen Gewinn von 5 Mark gemacht.
Ein Beispiel: Er setzt erst 5, dann 10 und dann 20 Mark – das macht einen Einsatz von 35 Mark. Wenn er mit den 20 Mark gewinnt, hat er 40 Mark auf Rot liegen. Ein Plus von 5 Mark. Im Grunde ganz einfach.
Aber kann das wirklich funktionieren? ServiceZeit Geld wollte es wissen und hat Hans Mustermann ins Spielcasino nach Aachen geschickt. Geld spielte keine Rolle.
Er spielte am billigsten Tisch: Mindesteinsatz 5 Mark, Höchsteinsatz 7.000 Mark. Das ist in allen europäischen Casinos gleich. Oder man geht an die teureren Tische: 10 beziehungsweise 20 Mark Mindesteinsatz, der Höchsteinsatz liegt dann bei 14.000 beziehungsweise 21.000 Mark.
Und in der Tat: Es lässt sich gut an für Hans Mustermann. Nach 100 Spielen hat er schon 235 Mark Gewinn gemacht. Nach 200 Spielen schon 520 Mark. Funktioniert es wirklich so einfach? Beim 228. Spiel bekommt er einen Vorgeschmack davon, was passieren kann: Neunmal hintereinander fällt schwarz. Mustermann hat jedoch immer auf Rot gesetzt. Um jetzt noch zu verdoppeln, muss er schon 1.280 Mark setzen, nur um 5 Mark zu gewinnen. Spaß macht das nicht mehr. Und immer diese Angst: Wenn noch zweimal Schwarz fällt, bin ich raus. Dann nämlich kann Hans Mustermann wegen des Höchsteinsatzes von 7.000 Mark nicht weiter verdoppeln. Beim nächsten Mal müsste er schon 2.560 Mark setzen, dann 5.120 Mark; und um dann noch mal zu verdoppeln, müsste er schon 10.240 Mark setzen – und eben da ist Schluss.
Diesmal hat er noch Glück. Beim zehnten Mal fällt die rote Sieben. Auch dann läuft es wieder gut. Nach dem 765. Spiel hat er schon 1.820 Mark Gewinn gemacht. Nicht schlecht! Doch dann passiert es. Es fällt elfmal hintereinander schwarz, er muss 5.120 Mark auf Rot setzen, seine letzte Chance. Und es fällt: schwarz.
Das war’s. 10.235 Mark hat er für die letzte Serie eingesetzt und verloren, minus den 1.820 Mark, die er vor der Pechsträhne gewonnen hat – macht einen Verlust von 8.415 Mark. Das System klappt also nicht. Jedenfalls nicht ohne das ständige Risiko des Totalverlustes.
Hans Mustermann ärgert sich. Vielleicht hätte er nur mehr Geduld haben müssen und immer erst auf Rot setzen sollen, nachdem zuvor eine ganze Serie Schwarz gefallen ist. Seine (falsche) Theorie: Die Wahrscheinlichkeit für Rot ist höher, wenn vorher mehrere Male hintereinander Schwarz gefallen ist. Er fragt sich: Wie wäre mein Spiel gelaufen, wenn ich immer erst dann gesetzt hätte, nachdem fünfmal Schwarz gefallen ist?
Die Antwort steht in unseren Aufzeichnungen: Das wäre ganz schön langweilig geworden. Bis zum 137. Spiel hätte er warten müssen, fast zweieinhalb Stunden. Da sind zum ersten Mal fünf schwarze Zahlen hintereinander gefallen.
Nach über knapp 800 Spiele hätten er einen Gewinn von 95 Mark gemacht. Dafür hätte er zwei Tage im Casino verbracht und zweimal 5 Mark Eintritt bezahlt. Außerdem hat er vier Wasser getrunken und einen Champagner – als es am Anfang noch gut lief – für insgesamt 24 Mark. Macht unterm Strich einen Gewinn von 61 Mark. Für 20 Stunden Arbeit. Das entspricht einem Stundenlohn von 3,05 Mark. Ausgesprochen mittelprächtig – findet auch Hans Mustermann. Und auch dieser Stundenlohn ist nicht garantiert: Wäre nach seiner Pechsträhne nicht beim 16. Mal Rot gefallen, hätte er wieder alles verloren.
Das System funktioniert also nicht. Aber warum glaubt man, dass es funktionieren könnte? Das liegt daran, dass das menschliche Gehirn Statistik nicht intuitiv begreifen kann. Es liegt so nahe anzunehmen, dass es umso wahrscheinlicher wird, dass Rot fällt, je häufiger vorher Schwarz gefallen ist. Stimmt aber nicht. Jedenfalls nicht bei begrenzten Zahlenreihen. Die Kugel merkt sich nicht, wohin sie vorher gefallen ist. Es besteht bei jedem Wurf erneut eine 50:50-Chance.
Es ist wie beim Lotto: Die Zahlenreihe 1, 2, 3, 4, 5, 6 fällt mit der gleichen Wahrscheinlichkeit wie die Zahlenreihe 4, 7, 21, 35, 46, 48. Die Statistik ist voller Tücken. Die Chance, beim Lotto einen Sechser zu landen, ist etwa so groß wie die Gefahr für einen 30-jährigen gesunden Menschen, in den nächsten 20 Minuten zu sterben. Davor fürchtet sich eigentlich niemand. Wieso hoffen trotzdem alle auf einen Lottogewinn?
Ein anderer Vergleich: Wenn man an der Autobahn von Stuttgart nach München und zurück 5-Mark-Stücke dicht an dicht an den Straßenrand legt, eines davon markiert und dann jemanden auffordert loszufahren, irgendwo anzuhalten und zielstrebig diese Münze aufzuheben – das würde niemand versuchen; aber genauso wahrscheinlich ist die Gewinnchance beim „Verdoppelungstrick“.
Quelle: ServiceZeit Geld vom 07. Juni 2001 (http://www.wdr.de/tv/service/geld/inhalte/010607_3.html)